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In der Gesellschaft wirklich etwas bewegen: Ein Interview mit Nuno Viegas

Gemeinnützige Organisationen auf der ganzen Welt setzen sich für wichtige Dinge ein, die Regierungen und Unternehmen oft übergehen. Eine solche Organisation ist Fumaça, eine von der Community finanzierte Mediengruppe in Portugal, die sich auf investigativen Audio-Journalismus spezialisiert hat. Fumaça setzt sich aus einem Team von investigativen Journalisten zusammen und finanziert ihre Arbeit ausschließlich durch Spenden und Zuschüsse von Hörern. Schauen wir uns Fumaça, ihre Aufgabe und die Menschen hinter der Organisation einmal näher an.

6. Okt. 2025

11 Min. Lesezeit

nuno viegas

Einer der Journalisten, die den Podcast ins Leben gerufen haben, ist Nuno Viegas. Neben seiner Tätigkeit im Bereich des investigativen Journalismus kümmert sich Nuno auch um die Mittelbeschaffung für Fumaça. Nuno und sein Team haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Wahrheit aufzudecken und den ungehörten Menschen eine Stimme zu geben.

Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht das Aufdecken von Missständen in großen Systemen. Beispielsweise befassen wir uns mehrere Jahre lang mit Projekten wie der Polizeiarbeit in Problemvierteln, wobei wir historische und kontextbezogene Untersuchungen durchführen, indem wir Bewohner, Polizeibeamte und Wissenschaftler befragen“, erklärt Nuno.

Nuno hat uns ein paar Fragen zu seiner Arbeit und der Organisation beantwortet.

Hinweis: Das ursprüngliche Interview war länger und wurde mit Erlaubnis unseres Interviewpartners gekürzt.

Was hat Sie zur Gründung Ihrer Organisation veranlasst?

Damals, im Jahr 2016... war der investigative Journalismus im Rückzug begriffen, wie schon seit Jahrzehnten in ganz Europa und den USA. Die Medienlandschaft wurde von denselben weißen Männern mittleren Alters aus dem politischen Mitte-Rechts-Spektrum dominiert. Alles war sehr direkt, sehr konservativ und sehr langweilig.

Wir haben uns von Projekten wie The Intercept und Democracy Now! inspirieren lassen und uns entschieden, etwas Neues zu machen. In Portugal haben wir einen Interview-Podcast gestartet. Das Ganze war ein einstündiger, sorgfältig konzipierter, aber kaum nachbearbeiteter Podcast, in dem wir uns mit Forschern, Aktivisten und Politikern zusammensetzten und ausführlich über politische Fragen zu einem breiten Spektrum von Themen sprachen.

In den letzten acht Jahren sind wir von Interviews zu längeren Audio-Dokumentationen übergegangen. Wir arbeiten nun zwei bis drei Jahre lang an fortlaufenden Podcasts und veröffentlichen dann einen umfassenden Beitrag. Diese Veränderung begann 2018 mit einer mehrteiligen Reihe über die Besetzung Palästinas, die mit dem Gazeta Award, dem größten Journalismuspreis Portugals, ausgezeichnet wurde. Das war ein Wendepunkt, der uns dazu bewegt hat, unsere Arbeit zu professionalisieren.

Was waren für Sie die wichtigsten Meilensteine auf Ihrem Weg?

Einer unserer wichtigsten Meilensteine war unsere Reihe zum Thema private Sicherheit im Jahr 2021, die mit dem UNESCO-Weltpreis für Menschenrechtsberichterstattung ausgezeichnet wurde. Dazu haben wir ein System zur zeilenweisen Überprüfung von Fakten eingeführt, das die Produktionszeit pro Folge um etwa drei Wochen verlängerte, dafür aber garantierte, dass jedes von uns veröffentlichte Wort geprüft ist. Wir begründen jede Aussage, sei sie noch so subjektiv, um die höchsten Standards an Genauigkeit zu halten.

Ihr habt als kleine Gruppe angefangen. Wie viele Leute arbeiten gerade bei euch?

Wir sind neun Leute, bald zehn, weil wir derzeit einen Sicherheitsberater einstellen. Sieben von uns sind Vollzeitbeschäftigte, fast alle sind Journalisten. Wir organisieren die Redaktion so, dass alle bei den täglichen Aufgaben, am Fundraising, an der Kommunikation und an anderen Themen mitarbeiten. Wir haben auch drei Teilzeitkräfte, die sich um Sicherheitsberatung, Webentwicklung, Betrieb und Verwaltungsaufgaben kümmern.

Was sind eure Hauptthemen?

Wir kümmern uns intensiv um das Thema Sicherheit. Zum Beispiel haben wir eine Reihe zur privaten Sicherheit in Portugal gemacht, die eine wirklich wichtige Stellung einnimmt – es arbeiten mehr Leute in diesem System, als es Bedienstete bei der Polizei gibt. Wir sehen uns das Gefängnissystem jetzt schon seit etwa vier Jahren an und wollen unsere Ergebnisse nächstes Jahr veröffentlichen. Seit sechs Jahren sehen wir uns außerdem die Polizeiarbeit in bestimmten Stadtvierteln an – herausfordernd, aber wichtig.

Außerdem schauen wir uns den Zugang zu psychischer Gesundheitsversorgung in Portugal an, nicht nur, um das Stigma des Themas zu bekämpfen, wir wollen uns auch öffentliche Maßnahmen ansehen, die dafür sorgen sollen, dass das System wirklich funktioniert. Wir haben uns mit Gasbohrungen in Portugal beschäftigt und berichten oft über die Besetzung Palästinas, was für uns ein immer wiederkehrendes Thema ist.

Wie geht ihr an investigativen Journalismus ran?

Anstatt mit einer bestimmten Geschichte anzufangen, schauen wir uns ganze Systeme oder Themen an, die wir für wichtig halten. Wir suchen uns Themen, die uns alle tangieren, weil nicht genügend darüber berichtet wird. Wir veröffentlichen wenige Storys, aber wir reden ausführlich darüber, bevor wir sie angehen. Unseren Fokus setzen wir auf systemische Probleme, die schon seit Jahrzehnten bestehen.

Für die Recherche zum Gefängnissystem waren beispielsweise umfangreiche Lektüre und Interviews mit Wissenschaftlern nötig. Wir arbeiten bei der Berichterstattung sehr bürgernah und sprechen mit den Betroffenen, bevor wir mit den Behörden reden. Das heißt, wir besuchen die Brennpunkte, finden Leute, die bereit sind zu reden, und bauen Vertrauen auf.

Wir machen umfangreiche Archiv- und Dokumentationsarbeit. Für unseren Beitrag zum Thema Polizeiarbeit haben wir uns Medienberichte aus mehreren Jahrzehnten angesehen, um zu verstehen, wie die Berichterstattung über Polizeiarbeit in Einwanderer- und Armenvierteln zustande kam. Wir liefern uns auch regelmäßig Auseinandersetzungen mit Institutionen über die Informationsfreiheit, um an Dokumente zu kommen. Der Weg dazu ist zwar zeitaufwändig, aber für die Transparenz sehr wichtig.

Am Ende unserer Untersuchungen stellen wir den Behörden unsere Ergebnisse in sorgfältig vorbereiteten, evidenzbasierten Interviews vor. Wir stützen unsere Fragen auf umfangreiche Recherchen und Daten, sodass die Behörden die von uns aufgedeckten Probleme nicht einfach leugnen können, obwohl sie das oft trotzdem tun.

Wie messt ihr die Wirkung und den Erfolg eurer Programme und Initiativen?

Die Wirkung von Journalismus zu messen, vor allem bei dem kontextbezogenen Journalismus, den wir machen, ist ziemlich schwierig. In bestimmten Fällen hat unsere Berichterstattung aber zu sichtbaren Veränderungen geführt. Als wir zum Beispiel über den privaten Sicherheitssektor berichteten, haben wir ein Problem im Arbeitsrecht angesprochen. Dabei mussten private Sicherheitskräfte bei jeder Änderung des öffentlichen Auftraggebers den Arbeitgeber wechseln und verloren dabei jedes Mal ihre kompletten Zusatzleistungen. Nach unserer Berichterstattung wurde das Gesetz geändert.

Ein anderes Mal haben wir über Essstörungen berichtet. Wir haben herausgefunden, dass die offiziellen Daten zur Behandlung von Magersucht falsch waren, und das schon seit einem Jahrzehnt. Unsere Untersuchung hat das Ministerium dazu gebracht, seine Daten zu überarbeiten und neue, korrekte Zahlen zu veröffentlichen, die zeigten, dass die Zahlen für Anorexie eher stabil blieben und nicht auf einem Allzeithoch lagen.

Auch wenn diese konkreten Auswirkungen messbar sind, ist unser eigentliches Ziel viel umfassender. Wir wollen ein tiefes Verständnis für komplexe Themen wie Polizeiarbeit vermitteln. Unsere Reihe zum Thema Polizeiarbeit umfasst zum Beispiel verschiedene Perspektiven: Opfer von Polizeibrutalität, Forscher, die den historischen und soziologischen Kontext erklären, und Polizisten, die über ihre Probleme sprechen, z.B. unzureichende psychologische Betreuung, niedrige Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen.

Mit solchen vielfältigen Geschichten wollen wir Vorurteile hinterfragen und ändern. Zum Beispiel könnte eine Hörerin die Reihe mit der Meinung beginnen, dass alle Polizisten schlechte Menschen sind, aber vielleicht geht sie mit einem differenzierteren Blick auf die systemischen Probleme raus, mit denen die Polizei zu kämpfen hat.

Was sind für Sie die größten Herausforderungen bei der Erstellung von tiefgehenden Investigativ-Inhalten?

Eine der größten Herausforderungen ist strukturell begründet – die Finanzierung der Redaktion, um langfristige Recherchen zu ermöglichen. Sechs Jahre lang an einem Projekt zu arbeiten ist nicht gerade das beste Geschäftsmodell. Die meisten Medien veröffentlichen regelmäßig neue Inhalte, um ihr Publikum zu begeistern und ihren Umsatz zu erhöhen. Im Gegensatz dazu sind wir auf monatliche Mitgliedsbeiträge angewiesen, auch wenn wir manchmal länger nichts veröffentlichen. Unter diesen Bedingungen ist es ziemlich schwierig, Leute davon zu überzeugen, uns finanziell zu unterstützen.

Eine weitere große Herausforderung ist, dass sich Portugal kaum an die Gesetze zur Informationsfreiheit hält. Auf dem Papier sind die Gesetze in Ordnung, in der Realität werden sie von den Institutionen aber oft einfach ignoriert. Das macht das Sammeln der benötigten Daten ziemlich zeitaufwändig und teuer. So werden aus angesetzten zehn Tagen mitunter acht Monate, und die Gerichtskosten wachsen auf tausend Euro an.

Transparenz ist vor allem in staatlichen Institutionen eine oft fehlende Einstellung. Das macht es schwierig, an Interviews und ausgewogene Perspektiven zu kommen. So lehnte beispielsweise die Polizeibehörde über sechs Jahre hinweg zwölf unserer Interviewanfragen für unsere Serie ab, und das Innenministerium zögerte die Terminfindung für ein Interview so lange hinaus, dass die Regierung gewechselt hatte, bevor wir es durchführen konnten. Die mangelnde Zusammenarbeit von Beamten macht es uns wirklich schwer, umfassende Berichte zu erstellen.

Außerdem haben viele Angst vor Konsequenzen, selbst wenn es für Beamte okay ist, mit Journalisten zu reden. Diese Angst schränkt die Meinungsfreiheit ein und macht es schwierig für uns, Leute mit der Bereitschaft zu finden, über ihre Erfahrungen in öffentlichen Institutionen zu reden.

Inwiefern beeinflussen digitale Privatsphäre und Sicherheit die Arbeit eurer Organisation?

Digitale Privatsphäre und Sicherheit sind für unsere Arbeit sehr wichtig, vor allem wegen der Art unserer Aufgaben. Wir arbeiten mit vielen vertraulichen Polizeidokumenten und verlassen uns auf anonyme Quellen, von denen viele eigentlich gar nicht mit uns reden dürften. Der Schutz dieser Quellen und unserer Daten ist wichtig, und wir nehmen das Thema digitale Sicherheit sehr ernst.

Um unsere Kommunikation und Daten zu schützen, setzen wir auf strenge Sicherheitsmaßnahmen. Deshalb holen wir uns gerade einen Sicherheitsberater ins Boot und stellen viele unserer Tools auf sicherere Dienste um. Diese Umstellung ist zwar zeitaufwändig, aber wichtig, damit wir uns vor staatlicher Überwachung und möglichen Polizeirazzien schützen können, die für uns ein großes Problem darstellen.

Können Sie uns ein paar konkrete Beispiele nennen, wie ein VPN wie NordVPN deiner NGO besonders geholfen hat?

Wir haben NordVPN in unsere Sicherheitsstrategie integriert, was sich in einigen Fällen als sehr hilfreich erwiesen hat. Wenn wir in der Redaktion arbeiten, achten wir immer darauf, dass unser Netzwerk sicher ist. Außerhalb der Redaktion nutzen wir VPNs ziemlich oft, weil wir Internetverbindungen ohne VPN nicht trauen. Das hilft uns, unsere interne Kommunikation und Arbeit sicher zu halten.

Wir haben diesen Ansatz in den letzten zwei bis drei Jahren zu jeder Zeit angewendet, vor allem beim Umgang mit Quellen oder beim Austausch von sensiblen Dokumenten. Es ist für unser Team mittlerweile ganz normal, bei vertraulichen Angelegenheiten stets ein VPN zu benutzen. Dazu gehören auch Interviews und andere Kontakte, bei denen es um sensible Infos geht.

Inzwischen ist die Nutzung eines VPN für unsere Teammitglieder ein Muss, damit unsere Kommunikation und der Datenaustausch sicher sind. Dank dieser Strategie können wir unsere Quellen schützen und die Vertraulichkeit unserer Arbeit wahren, sodass wir überall sicher und effektiv arbeiten können.

Wie stellen Sie die Sicherheit Ihrer Quellen und Journalisten sicher?

Für unsere Journalisten sind Risiken oft Teil des Jobs und werden entsprechend kalkuliert und gemanagt. Wir haben jedoch einen genauen und sicheren Ablauf für unsere Quellen entwickelt, vor allem für anonyme Quellen. Wir verändern ihre Stimmen und entfernen alles aus den Transkripten, was sie identifizieren könnte. Verschlüsselte Dateien werden sicher gespeichert.

Nur ein paar Leute in der Redaktion wissen, wer die Quellen sind: die Reporter, die Redakteure und der Faktenprüfer. Diese Infos werden streng kontrolliert und nur innerhalb dieses kleinen Kreises geteilt. Die realen Namen der Quellen werden verschlüsselt gespeichert, getrennt von ihren Inhalten. So stellen wir sicher, dass selbst, wenn eine Information kompromittiert wird, sie nicht zum Identifizieren der Quelle genutzt werden kann.

Welche Rolle spielen die Unterstützung und das Engagement der Community in eurer Organisation, und wie können Menschen eure Sache unterstützen?

Da wir nicht so oft Inhalte veröffentlichen, haben wir uns Mühe gegeben, ein nicht-transaktionales Mitgliedschaftsmodell aufzubauen. Unsere Hörer müssen nichts bezahlen, um unsere Inhalte zu hören, und wir bieten nur wenige Mitgliedervorteile. Zum Beispiel können Mitglieder auf unseren Slack-Kanal zugreifen, wo sie sich mit uns unterhalten können, und wir veranstalten offene Newsroom-Events, monatliche Treffen und Hörer-Partys für neue Episoden, bevor sie online gehen.

Obwohl die Vorteile minimal sind, spenden uns monatlich etwa 1.800 Menschen Geld, was einen bedeutenden Teil unseres Budgets ausmacht. Letztes Jahr kamen 51% unseres Jahresbudgets von Spenden aus der Community, was sie zu unserer größten Finanzierungsquelle machte.

Wenn wir unsere Unterstützer nach ihren Gründen für die Spenden fragen, sagen 94% von ihnen, dass sie unsere Redaktion damit finanziell am Laufen halten wollen. Die Leute spenden nicht unbedingt wegen unserer neuesten Reihe, sondern weil sie an unsere journalistische Mission glauben und zukünftige Projekte unterstützen wollen.

Wir pflegen diese Beziehung, indem wir offen über unsere Arbeit reden und unsere Unterstützer über unsere Fortschritte, Herausforderungen und Zeitpläne auf dem Laufenden halten. Wer unsere Website besucht, findet Infos zu jedem Schritt unserer Recherchen, einschließlich unserer bisherigen Episoden, derjenigen, an denen wir noch arbeiten, und aller Rechtsstreitigkeiten, mit denen wir konfrontiert sind. Diese Transparenz gilt auch für unsere Finanzen – unser Budget, unsere Gehälter und alle Transaktionen auf unseren Bankkonten sind online öffentlich zugänglich.

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Werner Beckmann | NordVPN

Werner Beckmann

Werner ist Copywriter und Wortjongleur bei NordVPN. Er recherchiert gerne die neuesten Trends in Sachen Cybersicherheit und berichtet über spannende Tech-Themen im NordVPN-Blog. Mit seinen Texten möchte er die Menschen über Online-Sicherheit aufklären und die Vision eines wahrhaft freien Internets vorantreiben.